Pionierin, Start-up Gründerin und Marketing-Genie

zum 125. Todestag von Anna Vorwerk am 18.11.2025

Wer heute – oder auch in den vergangenen Jahrzehnten – die Schultreppe hochläuft und dabei an Anna Vorwerks Portrait vorbeikommt, weiß meist nur eins: die hat hier irgendwie die Schule gegründet.

Sieht man ihr an: strenger Schulleiterinnenblick, bloß schnell weiter – aber, ist das wirklich so?

Oder anders gesagt, Anna, wer?

Anna hat das Glück als Tochter eines Obergerichtsrats in einer gutsituierten Familie des 19. Jahrhunderts (12.4.1839 wird sie geboren) aufzuwachsen. Glück vor allem auch insofern, als diese Familie es gut findet, dass Anna alles liest, was ihr in die Hände gerät, sich für Vieles interessiert, sehr gern Geschichten erzählt und Musik liebt. Sie bekommt Unterricht und ist rundum gut versorgt, so dass völlig klar ist, was aus ihr einmal werden wird:

Eine gute Ehefrau und Mutter, verheiratet möglichst an eine gute Partie. Und tatsächlich verlobt sie sich mit 19 Jahren, begeht aber die Ungeheuerlichkeit, diese (und später eine weitere) Verlobung wieder zu lösen. Die Reaktionen darauf sind nicht bekannt, aber üblich war das nicht und die Familie ganz sicher nicht begeistert, steht aber zu ihr. Anna ist zudem musikalisch so begabt, dass Johannes Brahms, der eigentlich gar keine Schüler unterrichtet, ihr 1862 Unterricht gibt, und auch Clara Schumann fördert Anna.

So hätte Anna eine Musikerinnen-Karriere starten können, aber für eine solche Lebensaufgabe, ist Anna zu streng mit sich selbst, vor jedem Auftritt übt sie und übt….

Und dann besucht sie in ihrer Langeweile 1865 einen Vortrag bei Henriette Breymann, die über neue Ansätze der Fröbel-Pädagogik berichtet. Feuer und Flamme von diesen Ideen, gründen Anna und Henriette zusammen mit weiteren Wolfenbütteler Bürgern einen Erziehungsverein und planen einen Kindergarten, in dem nach den Fröbelschen Ideen unterrichtet wird.  Henriette Breymann ist ausgebildete Pädagogin mit eigenem Institut und Anna gibt Gesangsunterricht und bildet sich autodidaktisch in Pädagogik weiter.

Schon 1866 unterzeichnet der Erziehungsverein einen Mietvertrag für die ersten Räume im Schloss. Der Verein darf die Räume nutzen, wenn er sie im Gegenzug Instand setzt und unterhält – das Schloss ist zu diesem Zeitpunkt ziemlich sanierungsbedürftig. Hier richten Henriette und Anna nun erst den Kindergarten und im folgenden Jahr ihre erste Grundschulklasse ein. Henriette prägt das Konzept, Anna kann mithilfe ihres Vermögens die Anstalt absichern. Schon direkt zu Anfang bieten sie auch Turnklassen für die Mädchen und Jungen an – ihnen ist klar, wie wichtig Bewegung ist und sie planen deshalb, auch Turnlehrerinnen auszubilden.

Von Anfang an gibt Anna Vorwerk alles für diese Schule, die sie ab 1870 offiziell alleine verantwortet. Eine Schule nur für Mädchen: Sie holt Lehrerinnen, die gut gebildet sind und Fremdsprachen beherrschen. Man kann ihr Mikromanagement vorwerfen, weil ihr jedes Aufsatzthema vorgelegt werden muss – andererseits stattet sie die Schule mit aktueller Fachliteratur aus, lässt die Lehrerinnen in anderen Schulen hospitieren, wenn diese mit ihren neuen Lehrmethoden Aufsehen erregen und hat einen Rundum-Blick, um neue Lehrmethoden zu integrieren, wenn sie ins Konzept passen. Auch bilinguale Ansätze gibt es: als das Schloss höhere Klassen beherbergt, gibt es durchaus Monate, in denen nur Französisch gesprochen werden darf. Dabei steht Annas Tür jederzeit offen für die Anliegen der Mädchen und ihre Unterstützung gilt besonders denen, die sich mit dem Schulstoff weniger leichttun.

Alle zu integrieren ist ihr ein Anliegen – ob es um den Extra-Chor für gesanglich nicht ganz sichere Stimmen geht oder die Ausweitung der Schule mit Gewerbekursen für eher handwerklich begabte Mädchen. Auch Kreativität ist Anna Vorwerk wichtig: in den Handarbeitskursen im Schloss gilt als Ziel, dass die Schülerinnen selbst Muster designen und nicht nur Vorgaben nutzen. Mit ihrer sozialen Ader unterstützt Anna auch immer wieder Familien, die um ihren Lebensunterhalt zu kämpfen haben. Lange vor dem Begriff »Care-Arbeit« gründet sie zudem eine Haushaltungsschule für Wirtschafterinnen – sie ist nicht der Meinung, dass man das »bisschen Haushalt« schon in der Familie lernt. Sie empfindet es als Managementfähigkeit und Kunst, die erlernt werden muss und stößt damit schon damals auf Häme.

Ihren Schülerinnen eine gute und selbständige Zukunft zu geben ist Anna Vorwerks große Motivation. Sie tut alles dafür, dass die Schülerinnen des Schlosses das Lehrerinnenexamen ablegen können und ermutigt die Lehrerinnen am Schloss und später auch die ehemaligen Schülerinnen für die eigene Absicherung zu sorgen und in die neu gegründete Rentenkasse für Lehrerinnen einzuzahlen.

Denn Frauen, die sich im 19.Jhdt. für ein Leben als Lehrerin entscheiden, stehen am Ende ihres Berufslebens oft mit wenig Mitteln da.

Das sieht Anna früh und ihr letztes großes Werk ist der Bau des sogenannten Feierabendhauses in Wolfenbüttel – einem Haus, in dem kranke und pensionierte Lehrerinnen wohnen können und das gleichzeitig die Hauswirtschaftsschülerinnen betreiben.

Auch damals schon war ein solch riesiger Bau eine sehr teure Angelegenheit und Annas Mittel allein genügen dafür nicht. So startet sie nicht nur Spendenaufrufe in ihr breit gefächertes Netzwerk – sie korrespondiert mit vielen Ehemaligen des Schlosses und in der Schulbildung tätigen Persönlichkeiten – sondern veranstaltet auch Konzerte und Basare mit dem ganz eigenen Vorwerk-Charme.

Denn auch das kann die Unternehmerin Anna sehr gut: das ganze Schloss in eine fantastische Kulisse eines Zauberwaldes mit Feen und kostümierten Schülerinnen verwandeln, so dass die Besucherinnen und Besucher in eine völlig neue Welt eintauchen und umso mehr einkaufen und spenden.

Work hard, play hard – das ist ein Motto, das Anna Vorwerk an ihrer Schule vorlebt: wo es Alltags nur Mehlsuppe gibt und ein zeitlich strenges Regiment für alle herrscht, fallen Ausflüge und Feiern umso gemütlicher und liebevoller aus mit ausgefeiltem Motto, detaillierter Deko und Leckereien, an die sich alle später noch gern erinnern.

Und so schafft sie es, parallel das Feierabendhaus (fertig 1896) zu errichten und die Berechtigung für ihre ausgebildeten Lehrerinnen zu erstreiten, auch die Prüfungen für den Unterricht an der Oberschule ablegen zu dürfen (1894).

Und wer weiß, welche guten Ideen sie noch umgesetzt hätte, wenn sie nicht 1900 recht unerwartet gestorben wäre.                                         

Jessica von Schrenck und die Anna-Vorwerk-Projektgruppe